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Zuhause, Schweiz - ab 27. Juni 2016

"Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben. Denn letztlich [...] sind wir alle nur sterblich."

Jean-Luc Picard

Und plötzlich waren wir wieder zu Hause...

Wir freuten uns sehr über das Empfangs-Komitee, welches zu später Stunde am Flughafen Zürich auf uns wartete. Nach einem kurzen Schwatz ging es auch schon in unser temporäres Zuhause bei meinen Eltern in Brugg. Bereits am nächsten Morgen fühlte sich unsere 533-tägige (!) Reise wie ein Traum an, der gar nie wirklich stattgefunden hatte. Ein Gefühl, dass einem bisweilen den Atem stocken lässt, weil man einfach nicht begreifen will, wie schnell die Zeit an einem vorbei gerast ist und halt wirklich alles irgendwann zu einem Ende kommt. Um lange darüber zu sinnieren, blieb uns aber eigentlich gar keine Zeit. Bereits am nächsten Tag fand das Brugger Jugendfest statt. Sehr praktisch, wenn man die Willkommens-Party nicht selber organisieren muss. Wahnsinnig, wie viele Leute uns auf unsere Reise angesprochen haben.

Nach dem Fest-Wochenende begann ich, mich intensiv um eine neue Stelle zu kümmern. Rapha hatte ja bereits Vorgespräche für eine Rückkehr an ihren alten Arbeitsort geführt. Die Verhandlungen hat sie dann schnell zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Das war in doppelter Hinsicht gut für uns. Erstens nahm es mir ein wenig Druck weg und zweitens konnten wir so bereits nach einem neuen Heim Ausschau halten.

Neben der Arbeits- und Wohnungssuche hielten uns auch noch andere Sachen auf Trab. Ich durfte als Trauzeuge für Maass und Sarah (Zeuge Massahrovas) den Polterabend organisieren, habe die Mini-Z Meisterschaft reanimiert und wieder Inline-Hockey-Trainings besucht. Rapha verbrachte ein paar geruhsame Tage mit Antje in den Dolomiten und besuchte ihre Familie in allen Landesteilen. Gemeinsam haben wir Crossfit in Baden ausprobiert uns ein Wohnmobil gekauft (vielen Dank Familie Imgrüt) oder mit Freunden und Familie Zeit in den Bergen verbracht. Um es kurz zu machen: unsere Terminkalender waren innert kürzester Zeit komplett voll.

Nachdem die Suche nach Heim und Arbeit lange sehr harzig verlief, stiessen wir Mitte Juli endlich auf das Objekt unserer Begierde. Wir hatten uns vor einiger Zeit spasseshalber mal eine Liste "erbrainstormt" mit Punkten, die unsere Traumwohnung zu erfüllen hat. Diese Wohnung deckt unglaubliche 17 von 18 Anforderungen ab. Da der Vermieter im selben Haus wohnt, mussten wir auch hier zum Vorstellungsgespräch antraben. Und weil wir uns alle auf Anhieb sympatisch waren, erhielten wir prompt den Zuschlag. Wir konnten unser Glück kaum fassen.

Als nächstes ging es darum, unser Restvermögen sinnvoll in Mobiliar zu investieren. Also pilgerten wir von Möbelhaus zu Möbelhaus. Weil neuerdings jeder Schirmständer frei konfigurierbar ist und wir bis aufs Bett alles neu kaufen mussten, kann man sich etwa vorstellen, wie zeitintensiv diese Angelegenheit war. Aber irgendwann waren dann auch Sofa, Schrank, Esstisch etc. bestellt und wir hatten endlich auch mal wieder Zeit, um den schönen Sommer zu geniessen.

Ende September gab es dann erneut gute Nachrichten. Ich erhielt die Stelle als Compliance Officer bei der Zürich Versicherung und stürzte mich am 1. Oktober wieder in den Arbeitsalltag.

Unser Zweites Leben hat also langsam Strukturen bekommen und wir sind glücklich darüber, wieder hier zu sein. Bleibt zu hoffen, dass wir noch lange von unseren Erfahrungen und Erlebnissen zehren können.

Ein riesengrosses Dankeschön zum Schluss noch an meine Eltern. Ohne Euch wäre unsere Integration nicht so einfach vonstatten gegangen. Vielen tausend Dank für das Dach über dem Kopf, die tolle Verpflegung, den fahrbaren Untersatz und vor allem die gemeinsame Zeit. Schön, dass ihr da seid und wir uns auf Euch verlassen können.

Vielen Dank auch an die gesamte Verwandtschaft und an alle unsere Freunde. Dass eine Freundschaft über so lange Zeit ohne persönlichen Kontakt nicht nur erhalten bleibt, sondern dass wir diese praktisch nahtlos weiterführen konnten, ist fast die schönste Erkenntnis unserer Auszeit.

Illustration einer grösseren Lücke im Lebenslauf 

Koh Samui & Bankgok, Thailand - 22. bis 27. Juli 2016

(Video)

Ein kleines bisschen Wehmut schwebte schon seit geraumer Zeit mit und verstärkte sich natürlich gegen Ende unserer grossen Reise immer mehr. In ein paar Tagen würde unser Abenteuer ein Ende nehmen. Bis dahin wollten wir noch ein paar Tage Strand, Sonne und Crossfit auf Koh Samui geniessen. Wir mieteten uns erneut einen Scooter und erkundeten unseren Haus-Strand "Chaweng" ausgiebig. Hier wird einem das volle Touristenprogramm mit Strand-Massagen, aufdringlichen Verkäufern und Mövenpick-Eis geboten. Nicht so unser Ding, aber das Hotel war gut und nach zwei Tagen mussten wir auch schon wieder weiter. Per Flugzeug ging es zurück in die einzigartige und quirlige Landeshauptstadt. Wir wohnten etwas Abseits von der Touristenmeile "Khasan Road", wo ich mir zwei Mass-Anzüge für unglaublich wenig Geld schneidern liess. Die Termine fürs Anprobieren mussten wir um die Spiele der Fussball-EM planen, weil auch die Thais total fussball-verrückt sind. Nach einmal Ausmessen und einmal Zwischen-Anprobe waren die Anzüge innerhalb von nur 24 Stunden fertig; und auch die Qualität war überdurchschnittlich gut. Unglaublich! Am Abend schauten wir uns noch das Gegurke unserer Nati gegen Polen an und verloren bei Shaqiris Jahrtausend-Goal die Stimme vor lauter Schreien. Leider hat das ganze Geschrei nichts genutzt, dafür fand der Pole am Nebentisch sein Lächeln wieder.

Für die allerletzte Nacht gönnten wir uns noch ein Zimmer im Siam@Siam Hotel, wo wir im Januar bereits logierten. Weil das Wetter schlecht war, kümmerten wir uns um den Blog, verkündeten via Facebook unser SEXIT (Sevi Exit) und RAUT (Rapha Out) und genossen ein super Abschiedsessen in unserem todschicken Bunker. Für etwas Aufregung sorgte noch mein Mami. Sie hat uns erst einen Tag später zurückerwartet und so für ein wenig Verwirrung bei Angehörigen und Freunden gesorgt. Bei der Passkontrolle realisierten wir, dass wir das Visum für Thailand auf den Tag genau eingehalten haben. Zum Glück konnten wir so ohne zusätzliche Formalitäten ausreisen und pünktlich auf dem Gate eintreffen. Neben all der Schwermut machte sich nämlich allmählich auch ein wenig Vorfreude  auf die Schweiz breit.

die fleissigen Schneiderleins

La Paz zum Dritten - 1. bis 7. Oktober 2015


Eigentlich wollten wir am Sonntag nach der Hochzeitsfeier zum Cholita-Wrestling nach El Alto hoch... aber aus "unerklärlichen Gründen" haben wir es nicht rechtzeitig aus dem Bett geschafft. Die nächsten Tage verbrachten wir mit Fotos aussortieren, shoppen und Teleférico fahren. Wir sind alle drei Linien mindestens einmal hoch- und wieder runtergefahren und genossen den spektakulären Blick von El Alto runter auf La Paz. Die Stadt plant mindestens noch zwei weitere Gondellinien. Eine tolle Sache, wie wir finden. Nur leider laufen die Bolivianer so ungern... wenn die Bahn nicht unmittelbar beim Zielort ankommt, nehmen sie nämlich lieber den Bus. Der hält, wo immer man will, an offizielle Haltestellen hält sich keiner. So ist es üblich, dass der Bus alle paar Meter anhält, weil irgendwer ein- oder aussteigen will. So wird der Verkehr in der Stadt natürlich nicht wirklich entlastet.

Nachdem wir ausgiebig eingekauft hatten, brachten wir ein knapp 7 kg schweres Paket zur Post. Das Porto war mit rund $ 120 fast so teuer, wie der gesamte Inhalt. Wir sind gespannt, wann das Paket in der Schweiz eintreffen wird (wenn überhaupt...). 

Am Abend vor unserer Weiterreise nach Santa Cruz trafen wir uns nochmal mit Claudia und Simon bei Jean-Claude im Restaurant Swissfondue, genossen eine gesellige Runde und wurden Zeuge, wie Simon seine langen Haare verlor. Nachdem er nämlich ausgesprochen hatte, dass er seine Haare schneiden will, holte Jean-Claude den Rasierer (aus der Küche?). Claudia fackelte nicht lange rum und "schwups" waren die Haare ab. Was für ein Spektakel. Wir werden unsere neuen Freunde vermissen!


La Boda: Hochzeit von Claudia & Simon in La Paz - 3. Oktober 2015


Zurück in La Paz, hatten wir als erstes mal wieder mit der Höhe zu kämpfen. Auf 3'500 m bekommt Sevi Kopfschmerzen und ich kann nachts nicht schlafen. Nach einer unruhigen und eher schlaflosen Nacht machten wir uns am nächsten Morgen etwas groggy auf in die Innenstadt. Da trafen wir uns mit Claudia in ihrem Tomate Café, wo wir ihr bei den Hochzeitsvorbereitungen halfen. Tischdeko stand auf dem Programm. So verbrachten wir ein paar bastelnde Stunden und dekorierten Weinflaschen. Am Mittag holte Claudia ihr Kleid ab und wir machten uns auf, Sevi's Anzug auszuleihen. Den hatten wir vor unserem Ausflug nach Rurrenabaque bereits "vor-ausgesucht". Wir hatten Glück, der Anzug war noch da. Es war nämlich der einzige, der nicht zu kurze Ärmel und Hochwasserhosen hatte... die kleinen Bolivianer ;-) An einem der tausend Marktstände kauften wir dann noch das passende Hemd zur geliehenen Krawatte. Schuhe und Gürtel hatten wir bereits vor zwei Wochen gekauft - zusammen mit meinem Outfit. Wir waren also kleidertechnisch ready. Am späteren Nachmittag trafen wir uns wieder mit Claudia und holten mit ihr die Ringe beim Juwelier ab. Da sie keine Rechnung dafür haben wollte, sprang ein fetter Rabatt für sie raus! So läuft das hier. Anschliessend gingen wir in einen Supermarkt, besorgten die restlichen Dinge, die ihr noch fehlten und brachten alles ins Tomate. Claudia, die Ärmste, machte sich dann auf den Weg zur Uni. Nebenbei studiert sie nämlich noch Wirtschaft/Office Administration und hatte an dem Abend eine Prüfung zu schreiben. Auf dem Heimweg holten Sevi und ich noch unser Hochzeitsgeschenk ab: ein Gutschein fürs Restaurant Swissfondue. Jean-Claude gab uns für die Deko Fähnchen mit den Schweizer Kantonen mit. 

Am Tag vor der Hochzeit gingen Sevi und ich zum Quartier-Coiffeur und dann wieder zu Claudia ins Tomate. Da waren Claudia und ihr Team bereits damit beschäftigt, neben dem Tagesgeschäft das Hochzeitsmenu vorzubereiten. Das Tomate ist ein vegetarisches Restaurant und somit auch das Menu fleischlos. Wir halfen in der Küche mit und warteten auf Claudias Onkel, der dann am Abend mit seinem Minibus vorbeikam. Wir luden alles in den Bus, holten Simon und seinen Kühlschrank zuhause ab und fuhren aufs "Festgelände". Dieses liegt ca. eine Autostunde ausserhalb von La Paz in einer ländlichen Gegend. Von da hat man eine fantastische Aussicht rüber auf El Alto und die umliegenden Berge. Es war schon spät. Wir luden also alles aus und machten uns gleich auf den Rückweg.

Nun war er da, der grosse Tag von Claudia und Simon. Da Claudia die gesamte Hochzeit selber geplant und organisiert hatte, war sie früh morgens schon unterwegs, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen. Zudem hatte Simon vergessen, ein Hemd zu besorgen. So ging Claudia los und kaufte eines. Wir trafen uns um 10.00 Uhr mit ihr am Plaza Humbolt und nahmen ein Colectivo. Auf dem Festplatz angekommen, waren Jean-Claude, Simon und zwei weitere Helfer bei den Vorbereitungen. Tische, Stühle, Pavillons, Deko, Beleuchtung, Getränke etc. etc. Auf 14 Uhr waren die Gäste bestellt, die Zeit drängte. Wir packten also gleich mit an. 

Mit einiger Verspätung trafen dann die Kosmetikerinnen ein und Claudia konnte sich endlich mal hinsetzen. Zur Ruhe kam sie allerdings nicht: es gab zuviel, was noch erledigt werden musste. Zeitgleich hatte ein heftiger Regen eingesetzt - die Openair-Zeremonie drohte, ins Wasser zu fallen und draussen kümmerte sich Simon im Hochzeitsanzug um die letzten Details und wurde klatschnass. Auf den letzten Drücker wurde alles fertig. Als die Gäste eintrafen, hatte es aufgehört zu regnen und wenig später kam sogar die Sonne durch! 

Der erste Teil der Hochzeit bestand aus der zivilen Trauung. Da kam bei der Braut kurzzeitig Panik auf, als sie während der Ansprache der Standesbeamtin feststellte, dass die Ringe fehlten. DER Klassiker.... die Trauzeugin reagierte geistesgegenwärtig, schlich sich rückwärts raus und holte die Ringe aus Claudias Tasche. Kaum einer hat was bemerkt. Gleich im Anschluss fand die traditionelle Indio-Zeremonie statt. Es war sehr schön zuzuschauen, auch wenn wir nur einen Bruchteil davon verstanden.

Nach dem offiziellen Teil ging es zum Apero über, die Livemusik spielte und es wurde getanzt. Dann wurde das vegetarische Buffet eröffnet. Das Küchenteam hatte das Besteck vergessen und so behalfen sich die Gäste mit den vorhandenen Löffeln und mit kleinen Zangen. Später am Abend sassen alle um das grosse Lagerfeuer, es wurde getrunken, gelacht und getanzt. Eine runde, gelungene und farbenfrohe Feier und wir sind glücklich, dass wir daran teilhaben durften.

La Paz und die Yungas - 5. bis 20. September 2015

Nach einer 4-stündigen Fahrt entlang des Titicacasees und einer kurzen Übersetzung mit der Fähre sind wir noch vor Einbruch der Dunkelheit in La Paz angekommen. Wenn man die Warnungen des EDAs beherzigen will, sollte man hier nachts aufpassen und nur sogenannte Radiotaxis nehmen, weil Express-Entführungen an der Tagesordnung seien. Dummerweise stand nirgends, wie denn so ein Radiotaxi ausschaut. So sind wir halt trotzdem einfach ins nächstbeste Taxi gestiegen und zum Hostel gefahren. Der Taxifahrer war zum Glück sehr freundlich. Er erklärte uns auch, dass am nächsten Tag, am sogenannten "Día Nacional del Peatón", in der ganzen Stadt keine Autos fahren dürfen. Da hatten wir ja wieder mal Glück. Einen Tag später und wir hätten mit dem ganzen Gepäck durch die Stadt laufen dürfen. Das wäre dann wahrscheinlich gemäss EDA einem Suizid-Versuch gleichgekommen.... ;-)

Eigentlich wollten wir ja nur kurz in La Paz bleiben und am Montag mit Gravity zu einer 6-tägigen Mountainbike-Tour nach Rurrenabaque im Amazonas aufbrechen. Leider waren wir am Samstagabend immer noch die beiden einzigen Teilnehmer und die Tour wird erst ab fünf Personen durchgeführt. Marcos von Gravity war aber immer noch optimistisch, dass wir die Gruppe bis Sonntag zusammen bringen würden.

Am Sonntag sind wir dann mal durch die autofreie Innenstadt geschlendert. Das war richtig toll, diese Grossstadt so kennen zu lernen. Die Leute spielten auf der Hauptstrasse Fussball, tanzten Flashmob und flanierten auf der Hauptverkehrsader. Eine richtig entspannte Atmosphäre. Um 14.00 Uhr wollten wir uns mit Simon und seiner Freundin in seinem Restaurant "Tomate" treffen. Ich kannte Simon noch flüchtig aus der Sonntagsschule und zufällig hat ein gemeinsamer Freund von uns mich darauf aufmerksam gemacht, dass Simon in La Paz wohnt. Also haben wir Kontakt aufgenommen und dieses Treffen vereinbart. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und bei einer Partie "Eile mit Weile" und gutem Wein alte Erinnerungen ausgetauscht. Das Spiel (ein Schweizer Klassiker, aber mit Karten gespielt) wurde uns von seiner Freundin Claudia auf Spanisch erklärt. Die beiden erzählten uns, dass sie am 3. Oktober in La Paz heiraten und haben uns spontan zur Hochzeit eingeladen. Das ist ja mal ein Ding. Wir haben natürlich ebenso spontan zugesagt. So viel zu unserem Plan, nur kurz in La Paz zu bleiben. Leider mussten wir die gemütliche Runde abrupt abbrechen, weil wir uns noch mit Marcos verabredet hatten, um das weitere Vorgehen bezüglich der Bike-Tour zu besprechen. Marcos erzählte uns, dass die Tour am nächsten Tag leider nicht stattfinden wird. Damit hatten wir gerechnet. Da wir nun aber wegen der Hochzeit fast einen Monat in La Paz bleiben, beschlossen wir, den Start auf den 21. September zu verlegen. Für dieses Datum hatten sich nämlich bereits fünf Neuseeländer angemeldet. Da Marcos wegen der ganzen Geschichte offenbar ein schlechtes Gewissen hatte, offerierte er uns, dass wir während dieser Zeit sein Zimmer beziehen könnten. Dieses stand frei, weil er zurzeit an Krücken geht und deshalb bei einem Freund einquartiert ist. Wir nahmen das Angebot mit Freude an und vereinbarten einen hammer Mietpreis von USD 70.00 für den Monat.

So kam es, dass wir am Montag ins Gravity House einzogen. Dabei handelt es sich um eine Wohngemeinschaft der Guides von Gravity im schönen Stadtteil Sopocachi. Der einzige anwesende Guide war Ansel aus Kanada. Nach kurzer Zeit kam dann der Auftritt von Kieron. Der kam nämlich um 11.30 Uhr direkt vom Ausgang nach Hause und war so sternhagelvoll, dass er nicht mehr alleine stehen konnte und seine Freundin ihn stützen und ins Bett bringen musste. Zudem hatte er nette Zeichnungen im Gesicht - so 'ne Art Kriegsbemalung.... reife Leistung. Wir haben uns am nächsten Tag dann erneut vorgestellt :-)

Um uns einen besseren Überblick über die Stadt zu verschaffen, schlossen wir uns einer Citytour an. La Paz ist eine der schönsten Städte auf unserer Reise bisher. Völlig unterschätzt und die eingangs erwähnte Panikmache des EDAs können wir bisher auch nicht nachvollziehen. Um uns für die Hochzeit vorzubereiten, mussten wir festliche Kleidung finden. Diese fehlt natürlich in unserem Rucksack. Wir sind auf dem riesigen Strassenmarkt ziemlich schnell fündig geworden. Ich werde mir einen Anzug für 100 Bolivianos mieten (ca. 15 CHF) und Rapha hat sich die Garderobe für 260 Bolivianos zusammengekauft, was rund CHF 35 entspricht. Billiger als beim Vögele (geiler Satz). Das einzige Problem waren die Schuhe. Die kleinen Bolivianer haben leider auch kleine Füsse. So haben wir für Rapha nirgends Schuhe gefunden und wir waren in sehr vielen Geschäften. Also haben wir mit Simons Vater in der Schweiz Kontakt aufgenommen, ihm von meiner Mutter ein Paar Schuhe von Rapha vorbei bringen lassen und ihn gebeten, diese für die Hochzeit mit nach Bolivien zu nehmen. Das hat alles wunderbar geklappt. Vielen Dank an dieser Stelle an Konrad und Mammi. Wir haben uns noch einmal mit Iseli und Claudia zum Pizza-Essen getroffen, im Restaurant "Swissfondue" endlich ein ausgezeichnetes Fondue gegessen und Jean-Claude, den Besitzer aus Fribourg kennen gelernt.

Nach ein paar Tagen wollten wir wieder raus aus der Stadt. Wir beschlossen, mit Gravity die berühmte "Death Road" runter zu radeln und sind dann gleich eine Woche in den Yungas geblieben. Wir haben uns ausserhalb des Ortes Coroico ein Häuschen im Wald gemietet, wo wir selber kochen konnten und kein WLAN hatten. Das war super entspannend. Danach haben wir noch eine Nacht in der "Senda Verde", einem Tierschutzpark verbracht. Wir waren im Baumhaus untergebracht und wurden am Morgen von einem Ara und zwei Affen geweckt, die neugierig durchs Fenster guckten. Unsere Freunde von Gravity haben uns dann wieder nach La Paz mitgenommen und uns natürlich vor der Türe unserer WG abgesetzt. Rund-um-Service. Weil für Sonntag den 20. September Wahlen anstanden, gab es in ganz La Paz ab Freitag Mittag keinen Alkohol mehr zu kaufen. Das hat unsere WG-Freunde natürlich wenig gestört und so wurde am Samstag bis früh morgens die Hausbar geplündert. Am Sonntag haben wir uns dann noch einmal mit Simon, seinem Vater und Claudia getroffen.

Nun freuen wir uns riesig darauf, endlich die langersehnte Biketour nach Rurrenabaque in Angriff zu nehmen. Laut Lonely Planet eines der besten Outdoor-Abenteuer in ganz Südamerika. Wir sind gespannt.

Autofreies La Paz

Guayaquil, Ecuador - 20. bis 21. Mai 2015

Nach 3 Wochen auf den Galápagos nahmen wir Abschied vom Paradies und flogen von Baltra zurück aufs Festland. In Guayaquil leben rund 2,5 Mio. Menschen. Sie ist damit Ecuadors grösste Stadt und gilt zudem als wichtigste Hafenstadt des Landes. Wir hatten ein Hotel in der Nähe des Flughafens und des Busbahnhofs Terrestre gebucht, was sich für die Weiterreise als sehr praktisch rausgestellt hat. Lange wollten wir sowieso nicht in dieser heissen Grossstadt bleiben. Der Sohn des Hosteleigentümers hat uns mit einem lottrigen, dunkelgrünen Volvo vom Flughafen abgeholt. Die Griffe fehlten alle - die Türen liessen sich daher nur von Innen öffnen. Kaum angekommen, gingen wir ins nächste Einkaufszentrum und gönnten uns mal wieder gepflegten Fastfood! Herrlich nach tonnenweise Reis.

Am nächsten Tag fuhren wir zum Busbahnhof Terrestre. Der ist riesig und erstreckt sich über 3 Stockwerke. Als wir dann endlich den Schalter der Coop. Loja gefunden hatten, konnten wir mal wieder "aus technischen Gründen" keine Tickets für den kommenden Tag kaufen. Da wir also nichts weiter ausrichten konnten, sind wir mit dem Taxi in die Innenstadt gefahren und haben uns am Malecón absetzen lassen. Und es war heiss! Bei gefühlten 40° quälten wir uns auf den Hügel Cerro Santa Ana zum Leuchtturm hoch. Aber es hat sich gelohnt - das Viertel sowie die Aussicht von oben war extrem schön.

Abends sind wir dann nochmal in die Mall spaziert, haben lecker bei PizzaHut gegessen und uns im Kino Avengers 2 angeschaut. Kino in Südamerika ist übrigens ganz was anderes als wie bei uns: hier wird während dem Film lautstark kommentiert, diskutiert, gelacht und mitgefiebert. Ein kollektives Erlebnis halt.

Am nächsten Morgen hat uns der grüne Volvo am Busbahnhof abgesetzt, wo wir erst die Tickets nach Vilcabamba kauften und gemütlich frühstückten, bevor wir zusammen mit Manu und Marco in den Bus stiegen. Die 8-stündige Fahrt nach Loja verging wie im Flug. Wir erwischten in Loja auch gleich den Anschluss nach Vilcabamba und trafen pünktlich zum Abendessen im Izhcayluma ein.


Cerro Santa Ana (Las Peñas), Guayaquil

Medellín, Kolumbien - 6. bis 15. April 2015

(Video)

Eigentlich wollten wir einen weiten Bogen um Medellín machen. Ihr wisst schon... Pablo, Drogen, böse und so. Schon krass, wie sehr Vorurteile unser Denken und Handeln steuern. Aber egal ob Traveller oder Einheimische: Alle haben von diesem Ort geschwärmt. Und weil die Flüge innerhalb von Kolumbien absolut günstig sind (Bogota – Medellín kostete CHF 20.00) haben wir unsere Pläne geändert und sind wider Erwarten doch noch hier gelandet.

Zum Glück! Medellín liegt auf einer Höhe von 1'538 m und erstreckt sich durch das ganze Aburra-Tal. Der Flughafen liegt etwas höher und ca. 30 Minuten ausserhalb der 3,5 Millionen-Metropole. Und so wurde bereits die nächtliche Fahrt vom Flughafen ins Lichtermeer der Stadt zu einem ersten Highlight.

Wir haben uns im trendigen Backpacker-Quartier Poblado im Maloka Hostel einquartiert. Am nächsten Tag haben wir das Quartier rund um den Parque Lleras erkundet und sind zum Schluss gekommen, dass wir gerne länger hier bleiben würden. Soviel zu den Vorurteilen. So haben wir beschlossen, dass wir Bogota und die Tatacoa Wüste (vorerst) nicht besuchen, und am 15. April direkt nach Quito (Ecuador) reisen wollen, wo wir dann Dorit und Jürgen treffen.

Wir konnten es also etwas ruhiger angehen lassen, zum Friseur bzw. Barbier gehen und endlich wieder einmal unseren Bürokram erledigen. Wir sind mit Blog schreiben und Foto-/Videomaterial ausmisten bzw. bearbeiten nämlich mächtig in Verzug geraten.

Am Mittwoch ging ich Rapha zu liebe mit ins Fussballstadion. Independiente Medellín hat die Patriotas aus was weiss ich wo empfangen. Medellín ist Leader der kolumbianischen Primera A. Wieso weiss ich nicht genau. Die haben über 90 Minuten kaum einen anständigen Angriff vorgetragen. Das Flügelspiel kennt man hier anscheinend nicht, und die 11 Alleinikovs wollten ständig durch die Mitte dribbeln. Unterhaltsam war es trotzdem. Der 50‘000 Personen fassende Kessel war gut gefüllt und auf den Rängen wurde der Fútbol wunderbar zelebriert. Independiente hat den Kracher übrigens mit 1:0 gewonnen; durch einen direkt verwandelten Freistoss.

Tags darauf gab es dann noch mehr Kultur. Wir haben einen Ausflug nach Peñol und Guatapé gemacht. Peñol wartete mit einer imposanten Kirche aus Stein auf. Und Guatapé ist ein sehr malerisches Dorf und berühmt für seine mit Fresken verzierten Häuser. Wir haben eine Bootstour auf dem Stausee gemacht. Dort haben wir uns mit zwei „Bogotanern“ angefreundet, die uns abgeraten haben, ihre Stadt zu besuchen. Wieder mal alles richtig gemacht! Das Highlight des Tages war aber der Besuch des Piedra del Peñon. Das ist ein 200 Meter hoher Granitmonolit, den man über eine 700 stufige Ziegeltreppe besteigen kann. Von oben hat man eine atemberaubende Aussicht über die Region und die Ausläufer des Stausees.

Am Freitag haben wir beschlossen, eine Citytour zu machen. Die Tour drohte sprichwörtlich ins Wasser zu fallen. Wir waren auf dem Weg zum Treffpunkt, als plötzlich sintflutartiger Regen und ein heftiger Hagelschauer einsetzten. Wir konnten uns gerade noch in einen Unterstand retten. Die Gewitterzellen haben sich aber zum Glück schnell wieder verzogen und die Tour konnte wie geplant durchgeführt werden. Pablo, der Guide, hat uns während der 4-stündigen Tour viele interessante Orte gezeigt und seine spannenden Informationen mit viel Enthusiasmus übermittelt. Er hat uns erzählt, wie der Drogenhandel den Krieg im Lande Mitte der achtziger Jahre verschärft hat (Verlagerung vom Land in die Städte / durch das Geld konnten moderne Waffen gekauft werden / es ging nicht mehr um Politik sondern um Business). Die Stadt ist seit dem Tod von Pablo Escobar in einem Transformationsprozess und hat dafür einen Preis als innovativste Stadt erhalten. Diese Wandlung wird symbolisch vorangetrieben indem Orte, die früher gefährlich waren, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Parque de las Luces ist dafür ein gutes Beispiel. Hunderte von Licht-Röhren (sehen aus wie Schwerter bei Star Wars) zeigen den Weg in eine strahlende Zukunft. Andere Plätze wurden in Bibliotheken oder Schulen umgewandelt.

Nachdem wir uns am Samstag wieder einen faulen Tag gegönnt haben (das Regenwetter hat uns dabei unterstützt), sind wir am Sonntag in die Berge gefahren. Von der Metro kann man direkt aus der Stadt mit einer Seilbahn den Parque Arví erreichen. In der Gondel haben wir Stefan aus Bern und seine kolumbianischen „Reiseführer“ Susana und Pilar kennen gelernt. Mit ihnen haben wir eine „Wanderung a la Columbiana“ gemacht, das heisst, die rund 2 Kilometer wurden in einer Gruppe mit 30 Personen inklusive Guide zurückgelegt. Danach haben wir uns von den Dreien getrennt, weil wir noch etwas seriöser weiter laufen wollten. Wie es der Zufall aber so will, haben wir uns bei der Rückfahrt wieder getroffen. Gemeinsam machten wir dann noch einen Ausflug in den Parque Explora und verabredeten, am nächsten Tag gemeinsam nach Santa Fé de Antioquia zu fahren. Den Tag haben wir mit einer traditionellen Bandeja Paisa abgerundet. Dieses Gericht ist eine Kalorienbombe bei der Reis, Mais (arepas), Kartoffeln, Hackfleisch, Spiegelei, Bohnen, Avocado, Bananen, Speck und ein wenig Salat auf einen Teller getürmt werden....

Santa Fé de Antioquia haben wir dann am Montag in rund zwei Stunden im überklimatisierten Bus erreicht. Der Ort ist eine der ältesten Siedlungen der Region. Wir haben die verschlafene Kolonialstadt erkundet, sehr lecker gegessen und uns anschliessend per Tuk Tuk (Mototaxi) zur Puente de Occidente, einer der ersten Hängebrücken in Amerika, chauffieren lassen. Vielen Dank Susana, Pilar und Stefan für die gemeinsamen Stunden. Es war toll, euch kennen gelernt zu haben.

Am Dienstag haben wir noch die wichtigsten Sachen für die nächsten Wochen eingekauft (Sonnencréme!) und Champions-League bei erneut heftigem Gewitter geschaut. Nun ist es leider bereits an der Zeit, um von Kolumbien Abschied zu nehmen. Ein Land, das uns von Anfang an gefesselt und begeistert hat. Hätten wir nicht eine Verabredung in Quito, würden wir wohl noch sehrsehr lange hier bleiben... 

frisch frisiert